Über die Wredesche Kunst

Frau Wrede kommt vom Dorf. So dreckig, brutal und humoristisch dort einmal geschlachtet
und heute noch das Schützenfest gefeiert wird, so manipuliert ihre Kunst auch im Abstand vom Dorf heute das Krude und Bizarre des Stadtlebens. Das klassische Männerhemd mutiert zum Beispiel in grossen Zeichnungen zur Prothese von Männern, wie sie kein Feminismus, keine Kapitalismuskritik je gedacht hat. Klare, um nicht zu sagen klassische Ansage: Schwarz auf Weiß.

Katharina Rutschky

Ich habe keine Rentenversicherung, aber eine gegen Diebstahl meiner Sammlung von Wrede-Werken. Dieser Werke Keim von Verwegenheit (Goethe) vitalisiert den Betrachter. Melancholisiert ihn auch - um mir eine besonders schöne Alten-WG leisten zu können, verkaufe ich meine Sammlung vielleicht im Jahre 2038. Vorher fragen zwecklos.
Martin Z. Schröder

Dr. Holger Birkholz

Die Zeichnungen von Barbara Wrede entstehen in großer Stückzahl: Sammlungen von Zetteln oder Heften veranschaulichen ihre Arbeitsweise, die weniger im Ausfeilen einzelner Motive besteht, sondern sich eilig von einem Bild zum nächsten bewegt. Dabei entstehen bestimmte Motive, die sich von Zeichnung zu Zeichnung konkreter gestalten oder Umwandlungen erfahren. Zu Motiven werden die Zeichen allerdings erst, wenn sie als Gegenstände erkannt werden. Sie haben eine bestimmte Funktion, die sich aus dem jeweiligen Gebrauch durch die auftretenden Figuren ableiten läßt. Eine soche Art der Handhabung kann jedoch in den einzelnen Darstellungen völlig unterschiedlich ausfallen. Den gezeichneten Figuren und Geräten erwächst ein Bedeutungsfeld, das sich aus der Summe ihrer Beziehungen ergibt. Demnach bleibt es auf eine Weise unbestimmt. Eine entgegengesetzte Verwendung ist zu keinem Zeipunkt ausgeschlossen. Dadurch verwirren die Zeichnungen ihren betrachtenden Benutzer, der sich nur für kurze Augenblicke sicher sein kann, den Hergang der Handlung zu deuten.
Die Ahnung handelnder Figuren schürt im Benutzer die Erwartung ablesbarer Geschichten. Die Gestalten tragen anthropomorphe Züge und sind doch oft genung seltsam verformt. Umrisse, wie die von Menschen, treten zueinander in Beziehung. Sie treten aufeinander zu, und machmal scheinen sie sich gegenseitig etwas zuzufügen. Die Gegenstände, mit denen sie handeln, sind ähnlich amorph, wie sie selbst. Sie lassen sich nur vorübergehend bestimmen, um dann gleich wieder anders zu erscheinen.
Ein gegenständlich erscheinendes Motiv, das häufig in den Zeichnungen auftaucht, besteht aus einer halbkugelförmigen Glocke an einem Stiel. Ein Objekt, das von seiner Erscheinung unschwer als Saugnapf mit Holzstiel erkannt werden kann, der für gewöhnlich dann zum Einsatz kommt, wenn Rohre verstopft sind. Sein in den Zeichnungen geschilderter Gebrauch ist jedoch meist ein anderer. Zwar gibt es Figuren, an denen mehrere dieser Saugnäpfe wie Schröpfgläser hängen, doch stehen dieser Verwendung oft genug andere zur Seite: Der Gegenstand erscheint als Kopfbedeckung, als Objekt, das in großer Stückzahl, - wie zum Gebrauch bereitgestellt - nebeneinander aufgereiht ist, manchmal entströmen ihm strahlenförmig gestrichelte Linien, wie Wasser einem Duschkopf, oder zwei der Objekte bilden, an den Ohren angesetzt, eine Art Kopfhörer. Alle diese hier von mir formulierten Bestimmungen, die den Gebrauch des angesprochenen Zeichens beschreiben, wollen Gewißheiten herstellen über die durch die Zeichnungen scheinbar geschilderten Handlungen. Solche Beschreibungen entstehen aus dem Bedürfnis, Bedeutungen herzustellen, wo die Bilder selbst unbestimmt bleiben. Dennoch gibt es eine häufig wiederkehrende Grundtendenz in den Handlungen der Figuren: Sie fügen sich gegenseitig etwas zu. Sie begegnen sich auf eine Art, die Vorstellungen von Tortur und Gewalt aufruft. Die Verformung der Figuren, die sicher im Vorgang des Zeichnens entsteht, ist nicht nur formal motiviert, sondern wird gleichzeitig zum Ausdruck von etwas, das als Seelenzustand der Figuren allzu pathetisch beschrieben ist. Schlicht gesehen erscheint die Form der Figuren als Folge der Einwirkung anderer Figuren oder der Gegenstände, mit denen sie umgeht. Das ist im Grunde genommen ein künstlerisches Grundprinzip, dessen rein abstrakte Seite ein Topos der Moderne ist. In der Betrachtung der Zeichnungen von Barbara Wrede erscheinen diese Muster der Verformung jedoch als Schilderung von Handlungen, deren Absurdität zum einen sicherlich aus der Schwierigkeit erwächst, sie einzuordnen. Zum anderen wird sie aber auch durch Assoziationen genährt, die auf Erfahrungen mit einer Wirklichkeit basieren, die sich häufig als unverständlich erweist. In solchen Momenten erscheint das Leben abwegig, bedrohlich oder gar zynisch. Manche der Figuren Barbara Wredes begegnen dieser Situation sichtlich hilflos. Andere wiederum werden zu Tätern, die sich der scheinenden Figuren oder Gegenstände mit Entschiedenheit bedienen.
Der Blick auf diese Handlungen ist von einer eigenen Art Humor bestimmt. Er bewirkt kein Lachen sonderen ein schlichtes Verziehen der Mundwinkel, das von einer Spur Verzweiflung begleitet wird. Ironie bedient sich dieser Bilder, mit dem ihr eigenen Bewußtsein für die Ansprüche des Lebens und der Erkenntnis, daß jeder Versuch sie einzulösen nur scheitern kann. Sie mit solchem Humor zu betrachten, eröffnet ihrem Betrachter einen Moment von Erlösung. Die Vergeblichkeit aller Bemühungen entschuldigt das eigene Scheitern: Das ist die, im philosophischen Sinn, zynische Weltsicht, welche die eigentlich menschenfreundliche ist. Daß nicht nur Gegenstände zu einer Art Leitmotiv der Zeichnungen werden können, zeigen verschiedene Figuren, die immer wieder erscheinen. Trotzdem lasssen sich diesen Figuren keine eindeutigen Handlungsmuster zuordnen. Die Zeichnungen, in denen sie erscheinen, sind Variationen auf ein Thema, das weniger inhaltlich als formal motiviert ist. Die Figuren bilden keine Identitäten. Ihre Handlungen in den verschiedenen Zeichnungen, die nach erzählerischen Strukturen suchen lasssen, entstehen lediglich auf der formalen Eben der Verformung von Figuren und Gegenständen. Daß der Benutzer die Zeichnungen der einzelnen Bildelemente nach ihren Beziehungen untereinander absucht, hängt mit dem allgemeinen Bedürfnis nach Strukturen und Geschichten zusammen, die wir immer noch in der Kunst zu suchen gewohnt sind. Die Bedeutung im Werk von Barbara Wrede ist allerdings nicht der vom Betrachter für gewöhnlich festgestellte Inhalt, sondern die Notwendigkeit des Erzählens an sich.

Katharina Rutschky: Kunst, Dreck, Klassik

Als ich Frau Wrede zum ersten Mal in ihrem Atelier besuchte, fand ich keine Worte. Achtung Kunst, da schweige ich aus Vorsicht. In jenem heißen, unübersichtlichen überfüllten kleinen Raum schwieg ich aber auch aus Höflichkeit. Was mir da gezeigt wurde, war nämlich Dreck - wenn auch hergestellt aus dem klassischen Künstlerbedarfsartikel „Ölfarben“. Alle Töne schienen wohl vorhanden, waren aber auf kleinen Schindeln vermanscht zu einer dicken Ursuppe, die ewig brauchte, um zu trocknen. Frau Wrede litt. Teils erwartet man ja auch, daß Künstler ein bißchen leiden. Frau Wrede litt aber anders. Sie litt an der prima materia. Ölfarben stinken und dünsten, schon gar wenn sie auf kleinem Raum in solchen Mengen die Möglichkeit haben, ihre Energien auszugeben. Die damalige Befremdung hat längst der Freude und Lust Platz gemacht. Inzwischen fehlt es mir auch nicht mehr an Worten und an Hypothesen, um - einschließlich der Ursuppenschindeln - Frau Wredes Werke auch denen zu erkären, die es noch nicht kennen. Im Grunde ist es ganz klassisch, ja, konservativ auf Handwerk angelegt. Kein Zufall scheint es mir, daß Frau Wrede neben der Kunst noch ein zweites Handwerk gelernt hat, nämlich die Tischlerei, die sich als räumliches Verfahren beim Rahmenkastenbau genau so bemerkbar macht wie beim rohen und groben Skizzieren auf Materialien, die zufällig zur Hand sind: mit beliebigen Stiften, Kulis und auf Schnipseln, alten Formularen. Eben dem, was in einer Werkstatt mit Büro so herumzufahren pflegt. Neben Dreck stellt Wrede damit auch noch Abfall her, Abfall, der nicht abfällt, sondern unter Rücksicht auf klassische Bedürfnisse nach dem Schönen dieses im Schiefen, Schrägen, Schrillen und Beiläufigen wieder ohne Reue genießbar macht. Als Klassikerin weist Wrede ihr Hang zum farblichen Reduktionismus aus. So bunt, wie alles um sie herum auch aussieht - ihre Bilder enden Schwarz-Weiß. Thematisch betrachtet, kommt Wrede von einem frechen, punkigen Jugendsadismus her, der sich langsam erweitert. Inzwischen kennt ihre unordentliche Welt auch Angst und Gefahr, neben dem Witz entdecke ich Pathos. Unheimlich ist der stete Übergang von Menschen in Dinge (oder umgekehrt?) - ob es sich um Verwandlung oder Zerstörung handelt, kann man nicht entscheiden. So wenig wie man weiß, ob Dreck und Unordnung die Ursuppe sind, aus denen das Leben kommt oder ob es mit ihrem Sieg nicht vor die Hunde geht...

Dirk Schwarze: Ausstellung: „Explosion der Kräfte“ „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“, 20.10.1999

Barbara Wrede ist die achte Stipendiatin im Malerdorf Willingshausen (Schwalm-Eder-Kreis). In einer Ausstellung zieht sie die Bilanz ihrer Arbeit. Willingshausen. Die Ausstellung im Willingshäuser Gerhardt-von-Reutern-Haus ist wohlgeordnet: einige größere Zeichnungen und Ölbilder mit dicken, plastischen Malschichten hängen an den Wänden. Dazu sieht man kleinere Studien im Mappen und Postkartenbilder in Vitrinen. Etliche Bilder hat die Künstlerin Barbara Wrede (Jahrgang 1966), die in Kassel studierte und jetzt in Berlin lebt, nach Willingshausen bereits mitgebracht - zumal die reliefartigen Ölschichten nur langsam trocknen. Und was erbrachte die Willingshäuser Zeit? War das Stipendium nützlich und fruchtbar? Für diejenigen, denen die Künstlerin einen Blick in ihr Atelier erlaubt, ergibt sich die Antwort von selbst: Der Raum quillt über vor Bildern jeglicher Art - Zeichnungen, Tuschebilder, Druckgrafiken und Ölbilder hängen, liegen und stehen in dem Raum so zahlreich herum, daß man kaum weiß, wohin man blicken soll. Hier sieht man ein Reservoir, aus dem zwei, drei weitere Ausstellungen zu bestücken wären. Ja, die Zeit in Willingshausen war für Barbara Wrede äußerst fruchtbar. Nach einer anfänglichen Blockade führten die Stille und Abgeschiedenheit des Ateliers dazu, daß sich die angestauten künstlerischen Kräfte explosionsartig freisetzten und Barbara Wrede eine äußerst produktive Zeit erlebte. Möglicherweise entwickelte sich eine Neuorientierung. Barbara Wrede ist vor allem Malerin. Auch wenn sich immer wieder Köpfe, Figuren und kleine Szenen in ihren Werken herausbilden, sieht sie sich nicht als Erzählerin. Sie arbeitet mit der zähflüssigen Farbe, trägt Schichten auf, läßt diese manchmal wie naß und unfertig stehen und muß doch immer wieder erleben, wie plötzlich figürliche Elemente entstehen, sich sozusagen einschleichen. Viele der kleinformatigen Ölbilder, die über Monate hinweg heranwachsen, wirken wie plastisch aufgebaut. Zeichnerin Aber daneben ist Barbara Wrede auch Zeichnerin, die mit wenigen kräftigen Strichen Gestalten und Situationen umreißt, die eben doch zur Erzählung ansetzt oder zumindest zur Pointe und Karikatur. In Willingshausen entstand eine kleine Postkartenserie, die ummittelbar mit dem Ort zu tun hat und in der sich die beiden Naturen treffen: Barbara Wrede hat die Ansichtskarten mit den beliebten Schwälmer Trachten in Orange, Grün und Schwarz so zugemalt, daß die Personen nur noch als dunkle Gestalten sichtbar sind. Von diesen Miniaturen ist es kein weiter Weg zu den Bildern, die im Grenzbereich zwischen Zeichnung, Aquarell und Malerei anzusiedeln sind und die in kaum übersehbarer Zahl enstanden. Diese Arbeiten konzentrieren sich auf die Figuren, sind voller Witz und verraten einen Hang zum Surrealen und Absurden. Es gibt nicht viele Künstler, die gleichzeitig so verschieden arbeiten und bei denen man doch merkt, wie unmittelbar die eine Ebene in die andere hineinwirkt.

„Von alltäglichen Mißgeschicken“ von Henrike Thomsen

Jeder kennt die Tücke von Gebrauchsgegenständen: Der Schlauch des Staubsaugers wickelt sich an unglückseligen Freitagen bedrohlich um die neuerworbene Skulptur. Der Duschkopf führt ausgerechnet am Morgen des Vorstellungsgesprächs sein Eigenleben. Solche Malheurs assoziieren sich mit den Tuschezeichnungen von Barbara Wrede, in denen Strichmännchen mit zarter Lakonie agieren. Selbst ein abgeschlagener Kopf, mit spritzender Blutfontäne auf einem Teller serviert, wirkt noch nonchalant. Die Geschichten, die in jeder Szenerie stecken, überläßt die frühere Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen mit wenigen angedeuteten Bausteinen für die Pointe dem Betrachter. Mißgeschicke mit Wasser und spitzen Gegenständen sind dennoch ihre spürbaren Favoriten. In den kleinen Schwarzweißszenen scheint von ferne die Stummfilmkomödie zu grüßen. Die Figuren biegen und verlängern sich wie Slapsticktänzer nach allen Seiten. Sie tun viel, um jemandem - dem Betrachter oder einer anderen Figur - ein Lächeln zu entlocken, ohne sich anzubiedern. Darin liegt vielleicht die tröstliche Dimension der „Therapeutischen Bilder“, wie Barbara Wrede ihre Serie genannt hat.
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Auszug aus dem am 14.9.2000 in der „Berliner Zeitung“ erschienenen Text zur Ausstellung „Tortur und Methode“ (mit Anett Frontzek) in der Berliner Galerie Nord

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