Das Institut für erfreuliche Drucksachen präsentiert

Barbara Wrede: Engel unter Null
Malerei und Zeichnung 1992 - 2002

Vernissage am 4. Dezember 2003
Berlin-Pankow, Schonensche Strasse 38, 19.45 Uhr

Ansprache: Katharina Rutschky


Wir versammeln uns hier und heute an einem sprechenden Datum. Sie hätten es natürlich selbst gewusst, mich musste Herr Schröder mit der Nase darauf stossen: Heute ist der Namenstag der heiligen Barbara, eine der vierzehn NothelferInnen (!) und eine der „Quattuor Virgines Capitales“. Eine der vier heiligen und aufmüpfigen Hauptjungfrauen, die lieber den Märtyrerinnentod auf sich nahmen, als Ja und Amen zu sagen und irgendjemanden zu heiraten, den der Papa oder der Kaiser ihnen zugedacht hatte! Auch firmiert die von der Künstlerin Barbara Wrede selbst kuratierte kleine Retrospektive unter dem Titel „Engel unter Null“, ein Titel, der einen weiter in die Gefilde des Glaubens alter Art zu senden scheint.
Bei solchen Vorgaben fühlte sich wohl jeder vernünftige Mensch dazu verpflichtet, und ich, mit einer kleinen Rede beauftragt, halte mich für einen solchen - gründlich nach spirituellen Bezügen und tiefen Bedeutungen zu fahnden, die sich aus all dem ergeben könnten. Ich habe auch welche gefunden.

I. Der zahlenmystische Bezug
  1. Die heilige Barbara ist, ich sagte es schon, eine von vier christlichen Zentraljungfrauen. Frau Barbara Wrede wohnt unter der Hausnummer vier; ihr Atelier hat die Nummer vierzig! Ich trage durch meinen Mädchennamen bei. Er lautete Vier.
  2. Namen sind nicht Schall und Rauch. Was habe ich hier zu suchen? Ich stehe wohl hier, weil die heilige Barbara auf spätmittelalterlichen Bildern des 14. und 15. Jahrhunderts - da begann der NothelferInnenkult und der Extrapreis der Quattuor Virgines Capitales - immer neben der heiligen Katharina steht und umgekehrt, nicht neben der heiligen Dorothea, nicht neben der heiligen Margarete. Der Synergismus von Frau Wrede und mir rührt also keineswegs von wechselseitiger Sympathie, gemeinsamen Interessen und ähnlich flüchtigen Phänomenen her, sondern ist präfiguriert in der uralten und ehrwürdigen Beziehung der beiden Heiligen, deren Namen wir tragen. Wir füllen das Schema, so gut wir können, heute nur noch aus.
  3. Logik oder Zufall? Manch einer wird bloß Zufälle sehen, wo ich eine zwingende Logik entdeckt habe. Dazu kann ich dann nur sagen: Bitteschön, wie Sie meinen! Ehe ich nun auf die Künstlerin Barbara Wrede im engeren und eigentlichen Sinn zu sprechen komme.
II. Frau Wrede und die Schönheit
Frau Wrede ist nicht nur selber schön, sie kann auch schöne Bilder machen. Dazu befähigen sie - das hervorzuheben ist in der Offizin von Herrn Schröder vielleicht nicht falsch - erhebliche technische, handwerkliche und theoretische Kenntnisse. Aber Frau Wrede will nicht. Den Trotz kennen wir ja schon von den Quattuor Virgines Capitales! Perfektion wird immer gleichzeitig erstrebt und negiert. Barbara Wrede findet tausend Fluchtwege und das Studium dieser Fluchtwege führt uns ins Herz ihrer Kunst. Haben wir eine schöne Zeichnung in Schwarz-Weiss und einen schönen, handgefertigten und hohen Rahmen, dann darf es natürlich kein Passepartout geben. Mit Stahlnadeln wird die Zeichnung auf einen Untergrund gespiesst, der sich nur wenig, quasi extra unansehnlich vom Papier der Zeichnung unterscheidet. Andererseits bilden diese dicken Rahmen auch einen Raum, in dem die Zeichnung sich bewegen kann , aber wieder nur wie ein Gefangener in der Zelle. So geht es hüh und hott. Beispiele hier und heute vorhanden- schauen Sie sich um.

III. Frau Wrede und die Farbe
Frau Wrede ist selbst sehr bunt. Wer rote Haare hat, denkt früh über Farben nach, behaupte ich, und das hat die Künstlerin in der Tat auch gründlich gemacht. Am Anfang gab es alle Farben. Irgendwie normal - das Spektrum des Expressionismus und ein Beispiel findet sich hier im Bild „Die Petze“ von 1992. Dann wurde das Spektrum teils schrill, teils enorm eingeengt. In ihrer ersten Berliner Zeit zerstörte Frau Wrede Farben, indem sie sie alle zentimeterdick auftrug und zu fast ekligen Bild-Objekten verdichtete, deren ewig lange Trockenphase die Gesundheit schädigte. Dann gab es eine Phase, in der man eine echte Wrede am Spiel mit der extremsten Farb-Polarisierung zweifelsfrei erkennen konnte. Schrill grün und orange waren die Bilder positioniert. Inzwischen ist Frau Wrede, nicht als Zeichnerin, sondern als Malerin bei Schwarz-Weiß angelangt - ohne alle Zwischentöne. Was genau genommen, eine ungeheure Herausforderung ist; denn was gibt es Schöneres, ästhetisch Evidenteres als den Kontrast von Schwarz-Weiss? Hier etwas herauszufinden, das noch kein Designer kennt, und sei er noch so clever, kein Architekt, kein Schaufensterdekorateur und kein Computerprogramm - das ist die Absicht und der Ehrgeiz der Künstlerin Barbara Wrede.

IV. Frau Wrede und Dada
Oberflächliche Betrachter könnten Frau Wredes Werk in vieler Hinsicht als Spätfolge des Dadaismus oder Surrealismus werten. Ihre Begeisterung für Neuköllner Kampfhunde und ihre Besitzer, für Friseusen und ihre Kunden weisen in diese Richtung. Ebenso verdächtig Buchillustrationen und Vignetten mit einer Tendenz zum Grotesken und Absonderlichen, aber keinesfalls Gesellschaftskritischen, die sie ebenfalls gefertigt hat. Hier und heute nur vereinzelte Beispiele der Schmachtfetzen, Quetschkästen und anderer leicht ekliger Objekte aus verschiedenen Materialien. Die neuesten sind Medaillons, kunsthistorisch gesehen. Faktisch Backoblaten, auf die erprobte Zeichnungen von Hunden und Männern übertragen und mit einer dicken Masse von durchsichtigem Klebstoff fixiert wurden. Die Perfektion liegt in der Zeichnung, die immer das Zeug zu einer eingetragenen Handelsmarke hat, aber durch die Übertragung auf die Oblate und die Fixierung eine widerspenstige Attraktion entwickelt. Ich könnte stundenlang darüber herumspinnen und sehr weite Kreise ziehen - erspare Ihnen das aber gern.

V. Frau Wrede und die Sprache
Frau Wrede ist nicht nur ziemlich belesen, sie nutzt die Sprache genauso wie die Rahmen, die Farben und Emotionen als Kunstpräparate. Ohne Titel, o.T., das ist uns Kunstinteressierten in Bildlegenden ja schon fast zu sehr geläufig als Ausweis vielverschweigender und immer ein bisschen arroganter Kunstpraxis. O.T., ohne Titel, das gibt es bei Frau Wrede natürlich auch, aber überwiegen tut die Einladung an den Kunstbenutzer mit einprägsamen Worten. Man versteht sie auf Anhieb, weiß aber nicht warum.
Bilder, Bildserien und Objekte haben also von mir sehr geschätzte Titel, die den Betrachter animieren, ohne ihm etwas zu erklären. Hier „Hin und weg“, „Therapeutische Bilder“, da (noch nicht ausgestellt) „Männer in weissen Oberhemden“ oder die Objektreihen „Bauchlappen“, „Quetschkästen“ und vieles andere mehr. Die Retrospektive heute hat ja auch einen extra Titel: „Engel unter Null“. Ist er nicht schön? Hören Sie hin und machen Sie was draus. Versuchen Sie aber nicht, ihn gescheit, wie Sie ohne Zweifel sind, zu entschlüsseln; denn Frau Wrede versteckt keine Wahrheiten, damit die ganz Schlauen sie finden. Sie ist immer schon vom Temperament her Populistin gewesen und die Einladung an Nicht-Künstler wie Sie oder mich, einfach mitzutun, mitzureden und mitzuspinnen beruht nicht schon wieder auf einem sog. Konzept zur Einbeziehung des Publikums. Da können Sie ganz sicher sein! Danke für Ihre Aufmerksamkeit!